02.05.2023
„Die Gestapo hat mir gesagt, dass ich innerhalb der nächsten 36 Stunden erschossen werden würde“ – mit zitterndem Bleistift schreibt André Sousotte am 28. November 1944 diese Worte an seine Eltern.
Es ist ein äußerst berührender Brief des 21-jährigen Widerstandskämpfers, der am Sonntag von Guy Caraes im Bürgersaal verlesen wurde. Der junge Funker ist einer der neun Widerstandskämpfer, die am 25. und 30. November zusammen mit weiteren 18 Häftlingen im Erlichwald in Gaggenau erschossen wurden.
Den 26 Männern und einer Frau widmete die Stadt nun eine neue Gedenktafel im Erlichwald. Die Initiative dazu war von der Ehrendelegierten Mireille Hincker des französischen Vereins „Souvenir Francais“ gekommen.
Hincker erinnerte an das grausame Morden Ende des Jahres 1944. Die Hoffnung auf eine Kriegsende wurde durch die Verstärkung und Radikalisierung des Naziregimes zerstört, das auf keines seiner kriminellen Ziele verzichtete. Angesichts des Vorrückens der Alliierten wurden im Spätjahr 1944 die Konzentrationslager Struthof und Schirmeck evakuiert, ein Teil der Gefangenen kam in das Lager nach Bad Rotenfels. Schließlich erfolgte der SS-Befehl die Gefangenen in den Lagern zu exekutieren. „Die Serie der Massaker, die am 23. November in Kehl begonnen hatte, endete mit dem Töten in Gaggenau“, berichtete Hincker. Vier amerikanische Soldaten, sechs britische Soldaten, vier Widerstandskämpfer aus den Vogesen, neun Mitglieder des Netzwerkes „Alliance“ sowie drei unbekannte Männer und eine Frau wurden erschossen. „Sie hatten ein gemeinsames Ideal: Die Befreiung des Vaterlandes und den Kampf gegen den Totalitarismus“, fasste Hincker zusammen. Mit Originalzitaten einiger Hingerichteter, unterstrich sie deren Motivation für die Freiheit auch ihr Leben zu geben. Die Gedenktafel würdigte sie als ein „stiller Zeuge“, der eine wichtige Botschaft übermittle: Versöhnung könne entstehen, wenn sich Menschen dafür einsetzen.
Mit der heutigen Ergänzung des bereits im Jahr 1947 errichteten Denkmals (1977 erfolgte eine Versetzung) im Erlichwald, wolle die Stadt Gaggenau diesen Menschen, die sich für eine bessere und freie Welt eingesetzt haben, wieder Namen und Gesicht geben, erklärte Bürgermeister Michael Pfeiffer. Auch wenn der zweite Weltkrieg nun schon fast 80 Jahre zurückliege, „die Verbrechen und Schrecken der Vergangenheit bleiben bestehen“. Gerade auch mit Blick, dass heute wieder ein Krieg in Europa stattfinde, sei es umso wichtiger, sich für den Frieden einzusetzen und Gedenktafeln als Mahnzeichen zu haben. „Solch unendlich schreckliche Dinge dürfen sich nicht wiederholen“, betonten auch Schüler des Goethe-Gymnasiums, die im Stadtarchiv recherchiert hatten und mit nachdenklichen Worten die Feier abrundeten. Sie berichteten aber auch von der Bedeutung des Schüleraustausches und der Partnerschaft mit Annemasse. Die deutsch-französische Freundschaft sei keine Selbstverständlichkeit und müsse deshalb gepflegt werden. Während die Namen der ermordeten Personen vorgelesen wurden, stellten die Schüler eindrücklich in einer Reihe deren Bilder auf und legten weiße Rosen nieder. Pfarrer Hartmut Friedrich, der Straßburger Militärpfarrer Paul Muller sowie Diakon Matthias Richtzenhain ergänzten mit Gebeten und der Hoffnung, dass die Mörder nicht das letzte Wort behalten, die Feier im Rathaus. Den 27 Menschen wurden Namen, Gesicht und damit ihre Würde wiedergegeben. Ein Dank für die Würdigung der „Helden des Widerstands“ durch die Stadt Gaggenau überbrachte Ludovic Joriot. Er hoffte, dass die Fotos die kommenden Generationen immer wieder zu Fragen anregen und so zu einem Zeugnis für das werden, „was sich nie wiederholen darf“.
Niklas Manz am E-Piano sowie Hanna Reiss, Diana Schnepf und Gerold Stefan am Saxophon umrahmten die Gedenkfeier.
Die Enthüllung der neuen Tafel im Erlichwald nahmen Bürgermeister Michael Pfeiffer und Guy Caraes vom Netzwerk „Reséau Alliance“ vor. Zusammen mit den Reservisten Gaggenau-Murgtal legte Bürgermeister Michael Pfeiffer anschließend einen Kranz nieder. Weitere Kranzniederlegungen erfolgten durch „Le Souvenir francais“, die Stadt Annemasse, die Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt sowie die Bundeswehr. Alfred Hess untermalte die Zeremonie mit Trompetenklängen, die sich mit den Vogelstimmen aus dem Wald vermischten.
Die Stadt Gaggenau dankt dem Deutsch-Französischen Bürgerfonds für die freundliche Unterstützung der Veranstaltung.
