31.3.26
Mit Sorge betrachtet die Stadtverwaltung das Kastaniensterben. Insbesondere im Keschtedorf Oberweier ist dies ein Thema. An der Festhalle in Oberweier pflanzte die Stadt inzwischen junge Kastanien nach, nachdem die erkrankten Bäume nicht mehr gerettet werden konnten. Auch in Winkel wurde kürzlich eine alte Kastanie gefällt.
Das Absterben von Esskastanien (Castanea sativa) ist seit einigen Jahren im gesamten mitteleuropäischen Raum zu beobachten. Es betrifft nicht nur große und alte Bäume mit einem Alter von 80 bis 150 Jahren, sondern auch Kastanien, die erst 20 bis 30 Jahre alt sind. Die Bäume sterben von der Krone nach unten ab. „Oft steckt der Kastanienrindenkrebs oder ein Wurzelschaden dahinter“, erläutert Markus Graf, Baumkontrolleur der städtischen Umweltabteilung.
In Europa seit 90 Jahren
Verursacht wird der Kastanienrindenkrebs durch den Pilz Cryphonectria parasitica. Dieser hat seinen Ursprung in Ostasien. In China, Japan und Korea haben die Kastanien im Laufe der Zeit eine hohe Widerstandsfähigkeit entwickelt. Damit sind dort die Schäden weniger gravierend. Anfang des 20. Jahrhunderts vernichtete der Pilz in Amerika fast den gesamten Kastanienbestand. Seit etwa 90 Jahren verbreitet sich der Pilz in Europa, vermutlich eingeschleppt durch importierte Pflanzen. Die Pilzsporen verteilen sich durch Wind, Regen, Insekten, infizierte Werkzeuge beim Schnitt, Transport von Holz oder Pflanzen. Über Verletzungen dringt der Pilz in die Rinde ein. In den Ästen unterbricht er den Saftfluss, sodass oberhalb des Befalls die Äste absterben.
Veränderungen in der Rinde zeigen schon früh die Symptome des Pilzbefalls: eingesunkene, rissige oder aufgeplatzte Stellen und orange- bis rostfarbene Punke. „Teile von Ästen sterben ab, Blätter welken, bleiben aber lange hängen, und unter den befallenen Stellen treibt der Baum wieder aus“, erklärt Marcus Graf. „Das sind die so genannten Nottriebe: Der Baum versucht zu überleben.“ Weitere schadhafte Pilze setzen der Kastanie zu: Phytophtora und Hallimasch.
Stress trockener Sommer wirkt nach
Die Bäume sind noch immer geschwächt und erkranken deshalb schnell an Pilzen. Von dem Stress der trockenen Sommer 2018 bis 2022 konnten sie sich nie richtig erholen. Und die feuchtwarmen Winter der vergangenen Jahre boten den Pilzen idealen Nährboden.
Derzeit versucht die Stadt, den Pilz einzudämmen, indem sie befallene Äste entfernt. „Doch diese Schnittmaßnahmen bergen eine weitere Gefahr: Man schafft neue große Eintrittspforten für alle möglichen Arten von Pilzsporen, die den Baum zusätzlich schädigen können“, erläutert Marcus Graf. Wichtig sei deshalb, dass mit desinfiziertem Schnittwerkzeug gearbeitet und das befallene Schnittmaterial direkt abtransportiert wird. Dies geschah jahrelang bei der Kastanie, die kürzlich in Winkel gekappt werden musste. Ursprünglich knapp 30 Meter hoch, mussten immer wieder morsche Äste aus dem zwischen 100 und 150 Jahre alten Baum entfernt werden. Auch, um die Sicherheit der Verkehrsteilnehmer zu gewährleisten. Die Kastanie war inzwischen nur noch 20 Meter hoch, der Pilz nahm Besitz von der Kastanie, je mehr geschnitten wurde. Inzwischen steht nur noch der nicht befallene Stamm. Als Habitatstamm bietet er nun Kleinstlebewesen Lebensraum.
„Wir dürfen den wirtschaftlichen Aspekt nicht vernachlässigen: In vielen Fällen ist es sinnvoller, erkrankte Bäume, die die Sicherheit gefährden, zu fällen und durch junge Bäume zu ersetzen“, stellt Marcus Graf fest.
Mischbepflanzung schützt vor Schäden
Stadt und Forst setzen dabei auf eine Mischbepflanzung. Denn unterschiedliche Bäume reagieren unterschiedlich auf Schädlinge und Pilze. Damit wird verhindert, dass ganze Baumbestände auf einmal erkranken. Insgesamt stärkt eine Mischbepflanzung das Ökosystem. In Oberweier, das Dorf, das die Keschte lebt, versucht die Stadt es in Absprache mit dem Ortschaftsrat mit Verjüngung.
Die Hoffnung liegt derzeit auf einem Virus, das den Pilz schwächt und damit den Rindenkrebs weniger aggressiv macht, einem so genannten Hypovirus. „Hier steht man momentan noch in der Forschung und Entwicklung“, sagt Graf.
